Presse

Auch ich in Arkadien

Im Land, wo die Zitronen blühen

Karla Andrä und das Uli-Fiedler-Trio präsentierten „Auch ich in Arkadien“
Von Stephanie Knauer

„Reisen lern’ ich wohl auf dieser Reise, ob ich leben lerne, weiß ich nicht“, schrieb Goethe im März 1787 aus Neapel. Eineinhalb Jahre dauerte seine Italien-Tour bis Sizilien. Sein Reisebericht begeistert durch genaue Beobachtung. Zumindest seinen Worten nach konnte der 37-Jährige sehr wohl leben und die arkadische Seite des Stiefels genießen. Dazu passt Musik wie angegossen. Das fanden auch Karla Andrä und das Uli-Fiedler-Trio und schufen mit „Auch ich in Arkadien“ ein Wort-Ton-Programm, das der Sprache Goethes gerecht wird.

Lebendig und bunt wie die Schilderungen waren die Rezitation, ihre musikalische Untermalung und die Jazz-Nummern, die vom Bassisten Uli Fiedler stammen. Dienstagabend debütierte das Quartett damit in der Weinbar Schröder und traf sowohl den Fernwehnerv als auch mitten ins Herz der Zuhörer.
Karla Andrä unterfütterte Goethes Sätze mit den zugehörigen Gefühlen. Sie wirkten wie eben erlebt. Die Musik, die zum Text gespielt wurde oder als in sich geschlossenes Stück, war nur punktuell so lautmalerisch wie ein Melodram: Der Wellengang des Meeres etwa wurde von Uli Fiedler und Klarinettist Stephan Holstein mit Bogenstrich und tonlosem Blasgeräusch imitiert, durch schnelles Tremolieren erinnerte Josef Holzhauser an der Akustikgitarre an Mandolinen-Romantik.
Vielmehr verklanglichte das präzise zusammenstimmende und sehr gut eingespielte Trio die Lebensfreude, das Pulsieren und das mediterrane Licht im Land der Zitronenblüte frei von Klischees oder von Bildern, die auf der Hand liegen. Mit Swing-, Latin- und Funk-Rhythmen und eingängigen Melodien, flüssigem Drive und introvertierten Balladen, die im Gegensatz zu Goethes geschildertem Rummel standen, schufen die Musiker ein verknüpftes, aber eigenständiges Pendant. „Auch ich in Arkadien“ ist ein rundes, in sich geschlossenes und abgewogenes Mehrspartenkunstwerk, das mit Lust und großem Können gespielt wurde und durch seine Intensität bis zum verklingenden Schlusston in Bann zog (AZ vom 18.3.2011)


Goethe will Töne

Ein literarisch-musikalischer Abend in der Weinbar Schröder
Von Frank Heindl

Der eine Teil der Veranstaltung heißt „Text will Töne“ – das sind der Gitarrist Josef Holzhauser und die Schauspielerin Karla Andrä, die sich seit einiger Zeit darauf verlegt haben, Texte bekannter Autoren musikalisch zu untermalen, zu interpretieren, zu illustrieren. Der andere Teil ist das Trio des Bassisten Uli Fiedler, das sich personell mit „Text will Töne“ überschneidet: Neben Fiedler gehören der Klarinettist Stefan Holstein dazu – und wiederum Josef Holzhauser.
„Tre pane“ heißt die CD mit stark italienisch inspirierten Stücken aus der Feder Uli Fiedlers, die die Band im vergangenen Jahr veröffentlicht hat. Und auch aus dieser Arbeit entstand die Idee, Goethe mit ins Programm aufzunehmen – seine Italienreise, in den Jahren 1786/87 unternommen und ausführlich protokolliert, fand so – endlich, muss man sagen! – eine Vertonung. „Auch ich in Arkadien“ – das war das Motto von Goethes Reise in sein gelobtes Land, und so heißt auch der literarisch-musikalische Abend von Text will Töne, den man am Dienstag in der Weinbar Schröder erleben konnte.
Schon als Goethe 1786 am Gardasee ankommt, kann er sich vor Begeisterung kaum halten. Er findet sich in einer „ganz fremden Umgebung“, die sich wohl damals noch mehr vom in Deutschland Gewohnten unterschied als heutzutage: Die Türen hätten keine Schlösser, wundert sich der Dichter, die Scheiben keine Fenster, und das Leben spiele sich zum größten Teil auf den Gassen ab. Karla Andrä rezitiert Goethe teilweise durchaus pathetisch – und liegt damit richtig. Denn dessen Staunen gleicht dem eines Kindes mit offenem Mund, ein „Übergefühl des Daseins“ überkommt ihn, „kindisch“ sammelt er Muscheln am venezianischen Lido, im Gesang der Gondolieri hört er „etwas unglaubliches, bis zu Tränen rührendes.“ Und irgendwann merkt der Dichter, dass seine Kunst nicht ausreicht, all diese Eindrücke zu beschreiben: „Mir fehlen die Organe, das alles darzustellen“, notiert er, und, an anderer Stelle: „Man müsste mit tausend Griffeln schreiben – was soll hier eine Feder.“ Genau an dieser Stelle setzt das Konzept von „Text will Töne“ ein: Was Sprache nicht sagen kann, Musik kann es doch – sie kann ein paar der 999 Griffel ersetzen, die Goethe fehlen.
Uli Fiedlers Kompositionen sind dazu ebenso hervorragend geeignet wie die Spielweise der Musiker. Weit weg von platter Illustration imitiert wohl mal die Klarinette das Treiben geschwätziger Marktfrauen und das Rauschen des Meeres, schlägt Holzhauser seine Gitarre wie eine Mandoline an. Ihre Tiefe entfaltet die Musik aber fernab solcher Effekte, zum Beispiel wenn auch sie ferne Zeiten heraufbeschwört, wenn sie mal nach den 50er-Jahren, mal nach zeitlosen Realbook-Evergreens klingt, wenn Holsteins unglaublich sanfter Klarinettensound Goethes schwelgerisches Eintauchen in Farben, Gerüche, Geräusche und Gefühle assoziiert. Fast irritierend ist es, wie gelegentlich Karla Andräs Vortrag unvermutet in der Musik verschwindet, untertaucht und wenig später plötzlich wieder da ist – war man nun geistesabwesend oder sind da tatsächlich Goethes Text, Andräs Stimme und die Musik des Trios so nahtlos ineinander übergegangen? Ja, dieser Text will Töne, und wenn Goethe nahezu träumerisch von Rom als der „Hauptstadt der Welt“ schwärmt und sich – „alle Träume meiner Jugend sehe ich nun lebendig“ – geradezu am Ziel seines Lebens sieht – dann ist der Gefühlsüberschwang wirklich nur mit Musik zu fassen: Goethe will Töne! (DAZ vom 21.3.2011)

O Lust des Beginnes

Brecht, wie man ihn kennt – und doch ganz neu: Das war die Art der Interpretation durch Karla Andrä. Mit sparsamer Gestik, aber aufs Feinste nuanciert, gab sie jedem Text einen besonderen Charakter, eine eigene Lesart.
Teils als Akzentuierung des Textes, teils als meisterhaftes Zwischenspiel fungierte Josef Holzhausers Gitarrenspiel. Großartig und so ganz anders im Tonfall als üblich war ihre Version des Mackie-Messers-Songs, das Publikum war begeistert.

[Augsburger Allgemeine]

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Intensiv und intim, konzentriert und kompakt, dezent und dramaturgisch dicht: Markenzeichen des Künstlerpaars Andrä/Holzhauser, die mit kreativem und professionellem Kinder- und Jugendtheater seit 15 Jahren (zuletzt mit „Der Jazzdirigent“) Maßstäbe setzen.

Und immer wieder wagen sie mutig Neues, brechen auf zu neuen Ufern. Brechts dreizehnzeilige Ode, die ihrem aktuellen und frischen Lyrik & Musik-Programm den Titel leiht, trifft den Nagel metaphorisch auf den Kopf. „O Lust des Beginnens“ feierte im Abraxas Premiere, berührte und begeisterte die zahlreichen Zuschauer.

Bewusst reduziert auf die Ausdrucksvielfalt und Energie, auf den komplexen Sinngehalt der Texte - von „Erinnerungen an Marie A.“ über das humorvolle Gedicht „Ein Fisch mit Namen Fasch“ oder die politisch lehrreiche „Legende von der Entstehen des Buches Taoteking“ – die Schauspielerin Karla Andrä und der Gitarrist und Komponist Josef Holzhauser holten Brecht-Kenner sowie „Brecht-Einsteiger“ ins Lyrik-Boot. Bei allen entfachten sie die ganz große „O Lust des Zuhörens“ und die Lust auf eine Neuentdeckung Brechts.

Die von Holzhauser mal melancholisch und melodiös, mal rhythmisch kontrastreich pointiert oder kommentierend zu den Versen sämtlich neu komponierten Gitarrenstücke (teils mit Looper ergänzt), verschmolzen harmonisch zu einem reizvollen Dialog mit den von Karla Andrä rezitierten Gedichten. Als feinsinnige Interpretin verlieh sie so ziemlich allen Facetten dieses „überreichen Dichters“, wie Lion Feuchtwanger ihn einmal beschrieb, mimisch und gestisch versiert Kontur, gab dem Witz und der Schärfe des Augsburger Dichters, der das „Leben heiter nahm auch wenn es ihm grimmig kam“ ihre Stimme.Ein sehr hörenswertes, unverstaubtes und dennoch lehrreiches Brecht-Programm, das alle Nachgeborenen anspricht und den großen Klassiker der Vernunft sinnlich-lyrisch und musikalisch anspruchsvoll erleben ließ.

[Augsburger Allgemeine]

Überall ist Wunderland

Weite im Kopf, im Herzen Welten

Das neue Lyrikprogramm „Überall ist Wunderland“ von Karla Andrä und Josef Holzhauser

Wo eigentlich fängt das Vaterland an, wie definiert sich Muttersprache? Das Nachdenken darüber wird schnell zur kniffligen „Genauigkeitsübung“ wie in Yaak Karsunkes Gedicht. Was bedeutet uns die Heimat jenseits des „pathetischen Pflichtpatriotismus“, wie ihn Ota Filip in seinem Gedicht „O du mein liebes fremdsprachiges Land“ zur Diskussion stellt? Wann ist die Zeit reif, sich „die Fremde zu nehmen“, wie es der in Augsburg lebende Lyriker Gino Chiellino in seinem Gedicht raffiniert, wie einen Werbeslogan, formuliert?
Verblüffend genial reihte sich Hildegard Knefs bekanntes Chanson vom Bedürfnis der Birke nach „Tapetenwechsel“ in die großartige Lyrikauswahl, mit der das Künstlerpaar Josef Holzhauser und Karla Andrä wortreich und klangvoll und kurzweilig dem Gefühl „Heimat“ und dem Erleben von „Fremde“ nachspürten, um wunderbar im Refrain der „Weite im Kopf, im Herzen Welten“ von Antonia Kainz Gedicht „Alles“ zu münden.
Die behutsame und virtuose Interpretation der expressiven oder sehr humorvollen Verse von Ausländer, Brecht, Domin, Eichendorff, Heine, Hesse, Morgenstern, Ringelnatz oder Biondi, Biermann und Ilija Trojanow („Ich bin deutscher als ein Großteil der Passauer“!) durch Schauspielerin Karla Andrä fand wie schon in früheren „Text will Töne“- Projekten ihre musikalische Verdichtung durch die lautmalerischen Gitarren-Kompositionen von Josef Holzhauser. So unterstrich er die frechen Zeilen von Immacolata Amodeo über das „Deutsche Fräulein aus Kalabrien“ in passender Zigeunerjazz-Manier, brachte atmosphärisch spannende und melancholische Kommentare zu den vor dem geistigen Hörerauge vorbeiziehenden Poesie-Landschaften, zitierte mit großer Sensibilität den Duft des Lindenbaums oder „Die Mondnacht“ herbei, in der die Seele ihre Flügel weit ausspannen darf.
Ein höchst bereichender Lyrikabend, der frischen Wind in das Heimat-Terrain brachte und zu Recht intensiven Beifall erntete.

[Augsburger Allgemeine]